In den ersten Nächten
Im Winter 89 auf 90 war ich Taxifahrer, Nachschicht. Es war eine gute Saison, wahrscheinlich eine der besten, die die Göttinger Taxifahrerzunft je erlebt hat. Es machte Spaß. Im späteren Verlauf der Nacht traf man sich regelmäßig am Markt, dem zentralen Platz in der Fußgängerzone. Dorthin gehen die Göttinger aus den Kneipen der Innenstadt zu Fuß, um sich dann in die äußeren Stadtteile oder auf die Dörfer fahren zu lassen.
In einer dieser lausig naßkalten Nächte kamen sie. Es war irgendwas zwischen zwei und drei Uhr, als im Funk die ersten Trabbi-Sichtungen durchgegeben wurden. Zuerst in den südlichen Vordörfern, bald darauf in Geismar.
Und waren diese Meldungen auch schon äußerst exotisch, so konnte man es sich gerade wegen dieser Exotik eigentlich gar nicht vorstellen, daß es wahr sein sollte. Der Funkzentralist reagierte entsprechend skeptisch, einige andere Fahrer pöbelten dazwischen, man solle mit diesem Unsinn aufhören. Bis uns plötzlich auch am Markt das charakteristische Zweitakter-Motorengeräusch hochschrecken ließ. Eine Karawane von sieben oder acht Trabbis materialisierte sich da am Anfang der Weender Straße und schaukelte diese gnadenlos entlang, ohne Rücksicht auf Fußgängerzonenschilder, einmal längs, einmal quer. Wir stiegen aus und waren eine ganze Weile mit unseren Unterkiefern beschäftigt, die nur herabhingen und nicht wieder hoch wollten.
Wir blickten die Straße lang und sahen sie queren, von links nach rechts, vor und wieder zurück, eine zu völlig unsinniger Zeit gänzlich surreal anmutende Stadtbesichtigung, die schließlich genau bei uns endete. Denn die Trabbipiloten hatten nach einer knappen halben Stunde realisiert, daß wir Taxifahrer die einzigen Göttinger waren, die sich in dieser Nacht noch wach hielten.
Sie fuhren vor und umstellten uns mit ihren öttelnden Töfftöffs. Zwischen unseren Daimlerdieseln wirkten die kleinen Autos wie Spielzeug. In den engen Straßen wurde die Luft enorm schnell enorm dick und bläulich. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie bekannt mir dieser Geruch vorkam. Bekannt, aber ohne daß ich hätte sagen können woher. Wie aus einem früheren Leben. Noch intensiver war dieser Eindruck einige Tage später, als ich das erste Mal drüben den Geruch der Braunkohleheizungen inhalierte.
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