HILFE! Die Wessis kommen

Wenn man dieses Bild sieht, bekommt man eine Idee davon, wie es aussah, als unsere kleine Reisetruppe durch die Berlin/Bandenburger Umgebung zogen. Das Problem war natürlich nicht die Fahrradkolonne, sondern die Teenager darauf. Wie es sich für anständige Teenies gehörte kannten wir kein Erbarmen.
Das folgende Bild symbolisiert sehr schön unser damaliges Verhältnis zu Regelungen, Regeln und vor allem Verboten:

Dieses Foto wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von meinem Schulfreund Christian Schneider aufgenommen. Ich denke, dass er nichts gegen diese Veröffentlichung hat. Der süße Typ hier links im Bild ist Marc, mein langjähriger Freund und Drummer der Band Durch Dick und Dünn, der auch ich angehöre. Marc hatte sich mit mir bereits unterhalten und hat mir ein Interview für Zonenblen.de zugesagt. Dieses wird es dann demnächst hier zu lesen geben.

Aber zurück zu der Horde Wessi-Teenies, die arme Brandenburger belästigten. Man stelle sich folgende Szene vor: Ein sympatischer Mann (unser Chemie-Lehrer, bild oben) geht zu einem Bäcker. Er möchte einen Kuchen für die ganze Manschaft kaufen und wählt einen aus der Auslage. Der Verkäufer meint, der Kuchen sei nicht verkäuflich. Der Lehrer fragt sich, warum er dann in der Auslage liegt, beantwortet sich die Frage aber schnell selbst. Nach einem Ausweg suchend, blickt er zurück durch die Glastür zu den pausierenden Teenagern. Dort sieht man, wie ein Junge von einem anderen um einen flachen Holztisch gejagt wird und mit den Armen schlägt, als wolle er fliegen. Die anderen sitzen lachend im Kreis auf Steinen, dem Boden usw. Das Argument ist gefunden. “Schaun sie, ich bin mit einer Gruppe geistig benachteiligter Jugendlicher unterwegs. Können Sie sich vorstellen, was die mit mir machen, wenn ich denen keinen Kuchen bringe?” Die Verkäuferin schaut nach draußen. Dort hat sich das Schauspiel gerade umgekehrt. Nun wird der andere Junge verfolgt. Die anderen krümmen sich vor Lachen z.T. auf dem Boden. Die Verkäuferin schaut den Lehrer mitleidig an und verpackt den Kuchen.
Wunderbare Geschichte. Ja, PISA hat deinen Chemie-Lehrer dann ja eindrucksvoll bestätigt, was die geistige Benachteiligung anbelangt
Comment by toby — 08.01.2006
Ein Hoch auf den schlagfertigen und gewitzten Pädagogen!
Nette Story, sehr aussagekräftig bebildert. Ein klein wenig mehr Auskunft darüber, warum der begehrte Kuchen zunächst nicht verkäuflich sein sollte, wäre schön.
Comment by grapf — 09.01.2006
Mehr von diesen Lehrern und über Pisa müssten wir uns keine Sorgen mehr machen. Dieser Chemie-Lehrer hat uns so viel mitgegeben. Wo er die Kraft hergenommen hat, uns damals a) zu ertragen und b) auch noch sowas, wie das Gute in uns zu sehen, ist mir schleierhaft. Aber an seinen Unterricht denke ich gerne zurück. Und diese Fahrt war auch einfach grossartig.
Tja, warum wir den Kuchen nicht kaufen sollten, ist mir auch nicht wirklich klar. Das war das gleiche Problem, wie mit dem Eis. Offensichtlich war es üblich, einfach mal nicht alles zu verkaufen. Nur, weil es im Schaufenster steht und ein Preis dran ist, kann man das gegen Geld nicht einfach mitnehmen. Das ist uns zu dieser Zeit immer wieder passiert. Vielleicht kommentieren das mal ein paar “Eingeborene”
Annette?
Comment by hildi — 09.01.2006
Also ich bin ja ein eher junger Ur-Ossi, aber ich kann mir vorstellen, dass die Verkäufer auf dem Land nicht unbedingt ihre Knappen Ressourcen an die Durchreisenden verschwenden wollte. Vielleicht wusste sie, dass dieser Kucken normalerweise von irgendwelchen Einheimischen gekauft wird – und da es nunmal der einzige war…
Selbes Problem bei Eisvorräten. Das örtliche Schwimmbad kann voll von lokalen Kindern sein, die darauf angewiesen sind.
Ich finde das btw nachträglich als eine bemerkenswerte Situation, dass Geld eben nachweislich nicht alles ist. Es gab einen Punkt, an dem man für seine Mark nichts mehr kaufen konnte, weil es das eben nicht mehr gab. An diesen Punkt zu kommen ist für uns heutzutage ziemlich schwierig.
Comment by Raimi — 09.01.2006
Ja, eine wirkllich nette Story von einem sehr witzigen und schlagfertigen Lehrer und seiner Bande Wessi-Teenies. Als definitiv “Eingeborene” kann ich mir das mit dem unverkäuflichen Kuchen allerdings auch nicht erklären. Vielleicht weil ich a) aus Berlin stamme, was versorgungstechnisch als Hauptstadt sowieso eine anderen Status hatte als der Rest und b) weil ich zur Wende auch gerade-noch-Teenie war und vom Einkaufen im großen und ganzen noch nicht soo viel mitbekommen hatte. Hat alles Mama gemacht
Womit ich wiedermal erstaunlich deutlich bemerke, wie behütet doch meine Kindheit war. *grübel*
Comment by E-lisa — 12.01.2006
Also die Annette hatte ja auch eher die Theorie, das Teile des Kuchens entweder für den Egenbedarf gedacht waren oder aber typischerweise von jemand im Ort bekannten gegessen wurde. Mal gabs halt mehr, mal weniger. Insofern hat man auch im Grunde vorbestelltes in die Auslage gestellt, damit es einfach nach mehr aussah.
Die Sonderstellung Berlins wurde mir bislang von jedem Ur-Ossi bestätigt. Allerdings hatte man in bestimmten Orten einfach andere Vorteile.
Comment by hildi — 13.01.2006
Die Geschichte holt mich ein
Ein Autor von TV total f ? llt heute folgendes Urteil ? ber mich: ” F ? r mich bist Du jetzt
schon der Tony Marshall von e-tv. ” Das ist an normalen Tagen schon fies, zielt aber tats ?
chlich weder darauf ab, dass ich eine fiese Frisur (Minipli!) tra…
Trackback by Der Weblog zu cp8r.de — 31.01.2006
Wow, was habe ich gelacht bei diesem Eintrag! Danke, dass Du diese Geschichte ausgebuddelt hast. Und die tollen Fotos dazu!! Ich wusste gar nicht, dass Du damals schon so qualitativ hochwertige Bilder gemacht hast! Zumal wir in der DDR waren
Da fallen mir natürlich gleich noch andere Geschichten von dieser Reise ein. Z.B. die Plastikschüssel, die im Schaufenster eines Haushaltswarenladens lag, und neben der ein kleines Schild stand mit der Aufschrift “Schüssel”. Genial – so wusste man gleich, was das für ein Produkt ist. Ohne lange raten zu müssen. Nur den Preis haben sie nicht mit raufgeschrieben.
Oder das zerdepperte Fenster in der Tür zum Waschraum eines Campingplatzes, wo man erst das Klirren der Scherben gehört hat und danach ein unverdächtiges Pfeifen. Was malen die im Osten die Scheiben in den Türen auch in der gleichen Farbe an wie das Holz der Türen? Kein Wunder, dass man da mit der Faust gegenstösst und denkt, auf massives Holz einzuwirken. So jedenfalls klang unser *hust* mein ungeschickter Versuch der Entschuldigung. Nach dem genialen Spruch des Camplingsplatzwarts: “Hier machen wir die Türen meistens mit der Klinke auf.”
Und mein Fahrrad ist auch auf den Fotos! Auf dem ganz oben, in der vordersten Reihe ganz rechts, das mit dem Riesenkorb. Der mir auf der Reise den gesamten Gepäckträger abgerissen hat. Glücklicherweise sind die DDR-Bewohner damals Tauschgeschäfte gewohnt gewesen und Spontaneität und konnten das mal auf einem LPG-Bauernhof schnell wieder zusammenschweißen.
Nur mit dem Verkaufen, da hatten sie es nicht so. Lieber etwas zurückhalten, was man grad sicher verkaufen kann, als mit leerem Warenregal dastehen. Ist aber logisch, schliesslich sieht ein leeres Schaufenster doof aus. Das machen auch “West-Betriebe” so. Als es Mode war, dass Polen Masseneinkäufe bei Penny und ALDI in West-Berlin machen (Anfang der 90er), da haben alle Supermärkte auch Höchst-Abgabegrenzen je Person festgelegt. Also auf den schnellen Profit verzichtet, um nicht die Stammkunden zu verschrecken, die auch morgen noch was aus dem Laden haben wollen. Das nennt man wohl “nachhaltige Absatzgestaltung”
So, nun reicht’s. Ich geh schlafen.
Comment by Christian P. Achter — 31.01.2006
Als Bestandteil der Horde “Wessi-Knder” komme ich leider nicht umhin in einem Anflug von Klugschwätzerei darauf hinzuweisen, daß wir uns keineswegs als “Wessis” gefühlt haben.
Wessis waren diejenigen, die einen Paß besaßen und den Bundestag wählen durften. Das konnten wir Westberliner* nie. Auch konnten wir nicht wie die Wessis einfach mal nach Ostberlin fahren, wenn uns danach war, sondern mußten Wochen vorher unsere Einreise in einem skurrilen Verfahren beantragen.
Die Sache mit dem Sonderstatus der Westberliner – Verzeihung, Einwohner Berlin (West) – gerät langsam aber sicher in Vergessenheit, was ich sehr bedaure.
*) Schreibweisen
- West-Berlin: Schreibweise von Journalisten
- Berlin (West): Offiziell einzig zulässige Schreibweise für Behörden und Beamte des Landes Berlin (West), u.a. Lehrer
- Westberlin: Schreibweise in der DDR für das “gesonderte Gebiet auf dem Terrotorium der DDR, das von imperialistischen Militärs erzwungen wird”, wie es in einem Kinderlexikon hieß, daß mir meine Tante Lehne aus Großbeeren in den Siebzigern schenkte.
Comment by marc — 03.02.2006
Also von wegen “in einem skurrilen Verfahren beantragen” ist mir nix bekannt. Ich glaub, dann hätten wir unsere Westberliner Verwandtschaft wohl zu keinem Geburtstag gesehen. Aber, ich werde mal nachfragen. Sicherheitshalber.
Comment by E-lisa — 08.02.2006
@E-lisa: Na, wir haben uns von solchen Verfahren nicht abschrecken lassen.
Dennoch konnten wir Westberliner nicht einfach spontan entschließen, mal einen Ausflug “nach drüben” zu machen. Das hat erstmal eine Weile gedauert.
Bei Gelegenheit werde ich mal einen Scan eines Einreiseantrages für Westberliner hier posten. Meine Frau hat einen solchen aufgehoben.
lg marc
Comment by marc — 13.02.2006